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Der lange Weg in die neue Heimat

Fotos: Maximilian Hohenegger

16.10.2020

Die Geschichte, die Yosef Mehri Jan erzählt, handelt von hilfsbereiten Menschen, verletzenden Vorurteilen, von der Bedeutung der Sprache, von Rückschlägen, einer Sportverletzung, guten Freunden, einem Hilfsverein in Memmingen und einer ganz besonderen Frau, die er bis heute Oma nennt  

Anfangs noch etwas nervös von der Interviewsituation, sitzt der junge Mann an dem Tisch in einem modernen Besprechungsraum in der neu gebauten Firmenzentrale von Josef Hebel. Neben ihm sitzt sein Ausbilder. Der junge Mann gehört zu den Mitarbeitern, hat hier im Unternehmen seine Ausbildung abgeschlossen, gilt als zuverlässig und über die Maße hinaus fleißig. Auf den ersten Blick eine Geschichte, die es so unzählige Male in der Region gibt. Auf den zweiten Blick jedoch, war es ein weiter Weg für Yosef Mehri Jan bis an diesen Tisch zu diesem Interview. Er flüchtete aus seiner Heimat.
                    

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Der heute 29-Jährige wird in Takhar in Afghanistan geboren, wächst aber im Iran auf. Er macht sein Abitur und geht zur Universität. Yosef Mehri Jan will Journalismus studieren. Dann kommt der große Bruch in seiner Vita. Er will nicht in den Krieg ziehen und eine Waffe tragen müssen. Also macht er sich auf nach Europa. Welches Land ist sein Ziel? Er habe kein festes Ziel gehabt, erzählt er. Er will einfach weg. Er beginnt eine Reise ins Ungewisse.

Die Fluchtroute führt nach Griechenland. Nun will er eigentlich weiter nach Italien. Dort ist ein guter Freund von ihm gestrandet. Er wird aber nach Deutschland geschickt. Der Freund in Italien sei bis heute immer noch etwas beleidigt, weil er nicht nachgekommen sei, erklärt Yosef Mehri Jan grinsend. Mit Deutschland verbindet er vor seiner Ankunft vor allem Fußball und Industrie, viel mehr aber weiß er nicht über das Land. Die erste Station ist in München, dann kommt er nach Augsburg. Seine Reise geht noch einmal weiter. Er weiß nicht genau wohin. Mitten in der Nacht kommt er an. Es ist dunkel und Yosef Mehri Jan kann sich nicht richtig orientieren. Er glaubte, in eine Großstadt gebracht worden zu sein. Am nächsten Morgen fällt ihm sein Irrtum wie Schuppen von den Augen. Es warten keine Straßenbahnen oder Hochhäuser auf ihn. Stattdessen ein paar Pferde und Kühe. Man hat ihn keinesfalls in eine Großstadt gebracht. Yosef Mehri Jan wacht in der nicht einmal 1 000 Seelen Gemeinde Dickenreishausen auf.

Aller Anfang ist schwer, besonders wenn dieser ein absoluter Neuanfang ist. Ein neues Zuhause, eine neue Sprache, eine neue Umgebung mit anderen Regeln und Bräuchen. Seine Situation beschreibt Yosef Mehri Jan so: „Wenn man in ein neues Land kommt, ist man ja wie ein Baby. Man muss von null anfangen.“ Seine ersten Erfahrungen in Deutschland sind durchwachsen. Zum einen lernt der junge Mann viele hilfsbereite Menschen kennen, wird aber auch mit Abneigung und Vorwürfen konfrontiert, die er sich anfangs noch nicht erklären kann. Ein Zwischenfall ist ihm dabei besonders im Gedächtnis geblieben. Im Hausflur sagt eine damalige Nachbarin zu ihm, ohne seine Geschichte zu kennen: „Ich arbeite, du isst!“ Er lässt sich den Vorwurf von einem Freund übersetzen. Bis heute hat er diesen Satz nicht vergessen.
                

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Doch macht er auch die Bekanntschaft vieler „guter Menschen“, wie er sie nennt, die ihm hilfsbereit unter die Arme greifen. Eine ehemalige Lehrerin nimmt sich Yosef Mehri Jan besonders an. „Bis heute sage ich Oma zu ihr.“ Und wenn er von ihr erzählt, ist er sichtlich gerührt. Diese Frau hilft ihm „anzukommen“ – lernt mit ihm Deutsch und unterstützt Yosef Mehri Jan bei Bewerbungen und Wohnungssuche. Ohne „Oma“ wäre es für Yosef Mehri Jan deutlich schwieriger geworden. Über YouTube, Musik sowie Lesen und Schreiben verbessert er zudem und bis heute seine Deutschkenntnisse. Er findet neue Freunde und spielt im Fußballverein. Nicht lange nach seiner Ankunft in Deutschland fängt er an zu arbeiten. Kurz gesagt, Yosef Mehri Jan beginnt sich so richtig einzuleben. Auf Dauer sieht er aber keine Zukunft für sich in der Firma. Yosef Mehri Jan will stattdessen eine richtige Ausbildung machen. Mit einer abgeschlossenen Ausbildung habe man gute Chancen hier bleiben zu dürfen, erklärt er. Der Pfarrer von Dickenreishausen verweist auf die Freiwilligenagentur Schaffenslust, die ihm bei der Suche hilft.

Was ist Schaffenslust? Die Freiwilligenagentur Schaffenslust ist seit September 2005 in Memmingen tätig. Es geht ihr darum, Ehrenamt in der Region zu fördern, aufzubauen und Ehrenamtlichen optimale Rahmenbedingungen für ihr Engagement zu bieten. Außerdem entwickelt Schaffenslust neue Projekte, die das soziale und kulturelle Leben bereichern sollen. Zu den vielfältigen Projekten der Freiwilligenagentur gehören unter anderem die beliebten Lesepatenschaften, ein Nachhilfepool für geflüchtete Menschen und der Mieterführerschein. Die Agenturleiterin Isabel Mang erklärt das Engagement der Freiwilligenagentur in der Hilfe für geflüchtete Menschen. Ein breites Angebot soll geflüchtete Menschen bei zentralen Punkten unterstützen. Zum Beispiel kann man im Rahmen des Nachhilfepools Deutschkenntnisse erwerben und intensivieren oder Hilfe für bestimmte Unterrichtsfächer finden. Der Mieterführerschein unterstützt geflüchtete Menschen bei der Suche nach einer eigenen Wohnung.
                     

Beim Thema Ehrenamt gibt es ebenfalls ein ganz besonderes Angebot für geflüchtete Menschen. Wenn sich diese für ein Ehrenamt interessieren und noch nicht so recht wissen, wo sie tätig werden können, vermittelt Schaffenslust sie an verschiedene Projekte. Heute bringen sich geflüchtete Menschen dank dieser Vermittlung unter anderen beim CVJM Mittagstisch, in der Handballabteilung des TV Memmingen, im Kaufhaus der Diakonie und bei der Hausaufgabenbetreuung der städtischen Realschule ein. Auch Flüchtlingshelferinnen und -helfer finden hier einen wichtigen Anlaufpunkt. Isabel Mang und ihr Team unterstützen bei Fragen rund um Kurse, Behördengänge, Zugang zum Arbeits- und Wohnungsmarkt und sonstigen Problemen – sind also die „Helfer der Helfenden“. Schaffenslust ist aber nicht zuletzt darum bemüht, geflüchtete Menschen in den sogenannten 1. Arbeitsmarkt zu integrieren und dort besonders in langfristige und qualifizierte Berufe zu bringen. Das sei leider nicht immer so einfach, berichtet Mang. Viele gäben sich mit Hilfsarbeiter-Tätigkeiten zufrieden, da diese zunächst mehr Geld einbringen als eine Ausbildung. Besonders froh ist Mang darum, dass es dennoch immer wieder gelingt, geflüchtete Menschen in chronisch unterbesetzte Arbeitsbereiche wie zum Beispiel in Pflegeberufe zu integrieren.
                   

Einer, der den Schritt zu einer qualifizierten Ausbildung gemacht hat, ist Yosef Mehri Jan. Er verlässt seine erste Anstellung zu Gunsten einer Ausbildung als Maurer bei Josef Hebel, die er mit Hilfe von Schaffenslust findet. Sein Start ist etwas holprig. Er tut sich sehr schwer in der Berufsschule. Seine immer noch lückenhaften Deutschkenntnisse legen ihm Steine in den Weg. Gerade das Fach Sozialkunde ist ein Problem. Wie soll man Dinge lernen, wenn sich deutsche Begriffe wie „Berufsgenossenschaft“ einfach nicht richtig übersetzen lassen. Schlechte Noten bereiten ihm wortwörtlich schlaflose Nächte. Kaum hat er mit der Ausbildung begonnen, verletzt er sich beim Kicken am Kreuzband und Meniskus. Ein weiterer Rückschlag. Yosef Mehri Jan ist frustriert. Natürlich möchte er endlich vorankommen, nur klappen will das gerade nicht so richtig. Franz Glaser, sein Ausbilder und Ansprechpartner im Unternehmen, schlägt ihm wegen der schlechten Noten und der Verletzung vor, das erste Ausbildungsjahr zu wiederholen. Eigentlich möchte das Yosef Mehri Jan nicht, sperrt sich anfangs noch etwas dagegen, zeigt sich dann einsichtig und erklärt sich bereit für diesen Schritt. Später wird er ihn nicht bereuen. Franz Glaser kümmert sich um alle Probleme der Lehrlinge, betreut interne Schulungen und koordiniert externe Fortbildungen für die Azubis. Trotz der anfänglichen Schwierigkeiten ist der Maurermeister sehr angetan von Yosef Mehri Jans Engagement in der Firma. Anstelle frustriert über Rückschläge die Sachen schleifen zu lassen, setzt dieser sich weiter ganz ein, ist motiviert, fragt beim Ausbilder ständig nach neuen Sach- und Fachaufgaben, die er bearbeiten kann. Durch seinen Fleiß, der laut Glaser „über das Maß hinausgehend“ sei, seine Eigeninitiative, seinen Ehrgeiz und der Unterstützung von Glaser und seiner „Oma“ schafft es Yosef Mehri Jan nicht nur seine Ausbildung zu bestehen. Von der Berufsschule wird er sogar für seine „hervorragenden Leistungen“ ausgezeichnet. Im Jahreszeugnis 2018/19 wird er für seine „beispielhafte Mitarbeit“ gelobt. Er ist sogar Klassensprecher.
                   

Heute hat Yosef Mehri Jan eine eigene Wohnung in Memmingen, geht zusammen mit seinem besten Freund, einem Arbeitskollegen, wandern und Fahrrad fahren. Manchmal spielt er noch Fußball. Auch nach seiner Ausbildung bleibt er im Unternehmen. Die Arbeit macht ihm sehr viel Spaß. Er ist gerne draußen, genießt die Ortswechsel zwischen den Baustellen sowie die vielseitigen Aufgaben. Außerdem freut er sich darauf, in vielen Jahren noch an Gebäuden vorbeifahren und behaupten zu können: „Das hab ich gebaut.“ Kurz gesagt: Er ist glücklich.

Die Geschichte von Yosef Mehri Jan ist eine von vielen Lebensläufen, die hinter Statistiken, politischen Debatten, Nachrichtenmeldungen und Stammtischpöbeleien oft untergehen. Man könnte sie eine Erfolgsgeschichte nennen, ein Beispiel, „wie es laufen kann.“ Doch Integration gelingt nicht immer. Was ist der Grundstein, der erste wichtige Schritt in die Richtung „Erfolgsgeschichte“? Isabel Mang von Schaffenslust und Yosef Mehri Jan geben darauf unabhängig voneinander die gleiche und scheinbar banal einfache Antwort: Sprache. Die Sprache ist der Grundstein unserer Kommunikation. „Sprache ist so wichtig. Man braucht einfach ein bestimmtes Level“, betont Yosef Mehri Jan. Isabel Mang erklärt, dass die Landessprache erworben werden müsse, da auf diesem Weg neue Kontakte, eine eigene Wohnung und qualifizierte Arbeit erst möglich gemacht werden. Sprache sei der Einstieg in das soziale Leben, zum gegenseitigen Verständnis und für eine langfristige und positive Integration. Auch wenn Yosef Mehri Jan den „guten Menschen“, wie er sie nennt, dem sehr bemühten Ausbilder, dem Verein Schaffenslust, seinen neuen Freunden, den Kollegen und vor allem seiner „Oma“ viel zu verdanken hat, darf man eines nicht vergessen: dass alles ohne seine Bemühungen und seinen Einsatz nicht möglich gewesen wäre. Er kann zu Recht stolz auf sich und seine Leistungen sein – denn aus dem „Baby“ ist ein junger Mann geworden, der mit beiden Beinen im Leben steht, der sich aus dem Nichts eine Existenz erschaffen hat. Ja, Yosef Mehri Jan kann stolz auf seine Geschichte sein.

Text: Maximilian Hohenegger
                  

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